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Berufsunfähigkeitsversicherung. Glück im Unglück haben Menschen, die bei Berufsunfähigkeit Anspruch auf eine Rente haben. Doch sie müssen viel tun, bis die Versicherer zahlen.E ine private Berufsunfähigkeitsversicherung mit guten Bedingungen ist schwer zu bekommen. Ist endlich ein Vertrag gemacht, bleibt die bange Frage: Zahlt der Versicherer im Ernstfall wirklich? Wir zeigen an Beispielen, wie Kunden ihre Ansprüche durchsetzen, und geben Tipps, wie sich Versicherte am besten verhalten, um das Verfahren zu beschleunigen. Wenn ihnen eine Rente zusteht, werden sie diese auch bekommen. Doch der Weg dahin ist etwas mühsam.

Viel Papierkram
Für die Journalistin Christiane Aurich* war der Papierkram schlimm, den sie bewältigen musste, um die Berufsunfähigkeitsleistungen zu bekommen. "Ich fühlte mich in dieser Zeit psychisch und körperlich grauenvoll, musste aber unentwegt irgendwo Unterlagen einreichen, Zeugnisse beglaubigen lassen, zuAmtsärzt~n gehen." Aurich ist vor zwei Jahren beim Skifahren gestürzt und hat eine Rückenmarksverletzung. Durch die Quetschung der Nerven leidet die 48Jährige seither dauerhaft unter starken Schmerzen. Seit einem Jahr kann sie ihren Beruf wenigstens halbtags wieder ausüben. Sie hofft, irgendwann wieder voll arbeiten zu können.Ihr privater Versicherer, die Allianz, hatte der Journalistin gleich mitgeteilt, dass sie erst zahle, wenn zuvor der gesetzliche Rentenversicherer eine Rente bewilligt habe. Dann wurde es richtig mühsam.Die Fragebögen, mit denen die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) ihre bisherige berufliche Tätigkeit und ihre gesundheitliche Einschränkung abklopfen wollte, fand Christiane Aurich komplett unverständlich. "Ich habe studiert, arbeite seit 25 Jahren, befasse mich mit komplexen Themen. Aber ich wusste oft nicht, was ich da angeben soll. Am liebsten hätte ich aufgegeben."Erst als Aurich dazu überging, bei jeder Unklarheit die BfA anzurufen, kam sie weiter. Als endlich auch das Gutachten des Amtsarztes vorlag, bekam sie rückwirkend Geld. Der gesetzliche Rentenversicherer zahlt ihr nun eine halbe Erwerbsminderungsrente und auch die Allianz überweist eine Teilrente.

Oft Missverständnisse
Michael Wortberg, Experte für Berufsunfähigkeitsversicherungen bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, findet die Fragebögen der privaten Versicherer genauso schwer verständlich wie die der Rentenversicherungsträger. " Wenn die Leute nicht wissen, was gemeint ist, geben sie das Falsche an", beobachtet er. Wenn die Versicherer ihre Formulare vereinfachten, würde das beiden Parteien viel Mühe ersparen, sagt der Berater.Die Axa hat das soeben getan und die Zahl der möglichen Fragebögen von etwa 35 auf rund 100 erhöht. "So können wir jedem, der Berufsunfähigkeitsleistungen beantragt, einen Bogen zuschicken, der ungefährt auf seine berufliche Tätigkeit passt", erklärt ein Axa-Vertreter.Die Huk-Coburg verwendeteinen Fragebogen für alle, einen Zusatzbogen für Selbstständige. Jeder Betroffene beschreibt seine bisherige Arbeit aufgegliedert nach Teiltätigkeiten mit eigenen Worten, so Axel Schleicher von der Leistungsprüfung.Im ersten Anlauf gelingt das nur wenigen, beobachtet Wortberg. Viele Kunden seien sowieso abwehrend und fänden: "Das geht die doch gar nichts an." Andere meinten, das Unternehmen sei selbst in der Lage einzuschätzen, dass sie bestimmte Tätigkeiten mit diesen gesundheitlichen Problemen nicht mehr bewältigen könnten. Ein genauer Nachweis erübrige sich. Kürzlich half Berater Wortberg einem Landwirt. "Er war zu 80 Prozent berufsunfähig, aber die Versicherung lehnte ab." Erst als der Bauer eine detaillierte Beschreibung seiner Tagesarbeit lieferte, war klar, dass sie mit seinen gesundheitlichen Problemen nicht mehr zu erledigen ist. Wortberg: "An dem Tätigkeitsprotokoll hat er natürlich mehrere Tage lang gearbeitet." Nach Wortbergs Beobachtung bleiben viele Anträge auf BerufsunfähigkeitSleistungen wegen Missverständnissen stecken oder werden abgelehnt. "Die Kommunikation stimmt nicht. Ist der Ton in den Schreiben der Versicherer unfreundlich und fordernd, läuft oft gleich alles schief."

Verzögerungstaktik
Beschleunigen lasse sich ein Verfahren oft, indem man Ärzten, die befragt werden, oder Gutachtern auf die Finger klopfe-Wortberg: "Dort liegen Vorgänge manchmal wochenlang herum. Gleichzeitig geht Betroffenen das Geld aus."Das bekam Werner Guggemos zu spüren. Im Frühjahr 2003 erlitt der Hotelfachwirt einen Bandscheibenvorfall. Seine Arbeit als gastronomischer Organisator in der Augsburger Eissporthalle musste der Vater von vier Kindern aufgeben. Guggemos: "In meinem Job ist neben viel Organisation Heben, Schleppen und Stehen unausweichlich. Das geht nicht mehr."Vor zehn Jahren hatte er als gesunder 24-Jähriger eine Berufsunfähigkeitsversicherung bei der L V 1871 abgescWossen. Die Bedingungen des Unternehmens gefielen ihm am besten. Guggemos hatte darauf geachtet, dass eine abstrakte Verweisung ausgeschlossen war. Ihm steht Geld zu, wenn er aus gesundheitlichen Gründen seinen bisherigenBeruf zu mindestens 50 Prozent dauerhaft nicht mehr ausüben kann- der Versicherer darf ihn nicht auf einen theoretisch möglichen anderen Beruf verweisen.Guggemos: "Nach meiner Meldung kam ein Vertreter und begutachtete meinen Arbeitsplatz. Zu Papier brachte er seinen Eindruck fünf Monate später. Der ärztliche Gutachter schrieb seinen Bericht nach sieben Monaten. Als bei uns der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, drohte mein Anwalt mit Klage und wies darauf hin, dass ich rechtsschutzversichert bin." Nachdem der 34- Jährige den Anwalt eingeschaltet hatte, zahlte die LV 1871. Seit seiner Meldung waren ein Jahr und acht Monate vergangen. Der Versicherer überweist die 1350 Euro monatlicher BerufsunfähigkeitSrente bisher auf "Kulanzbasis", denn ein Gutachten steht noch aus. Guggemos hofft, später wieder erwerbstätig sein zu können. Er will sich beruflich neu orientieren, wenn es ihm besser geht. Hinter der Zahlungsverzögerung des Versicherers vermutet er auch Absicht: "Die LV 1871 hat vielleicht daraufgesetzt, dass ich aufgebe. Ich habe aber gar keine Wahl, denn ich kann zurzeit nicht arbeiten."

Dreimal prozessiert
In anderen Fällen reicht es nicht, mit einer Klage nur zu drohen. Susanne Kersting* aus Bad Neuenahr prozessiert seit 1991 wegen ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung gegen die Volksfürsorge. Gewagt habe auch sie das nur, sagt sie, weil sie eine Rechtsschutzversicherung mit eingeschlossenem Vertragsrechtsschutz hat. Dreimal siegte Gastronomin Kersting bisher, doch jetzt zwingt das Unternehmen die ehemalige Bistrobetreiberin vor den Bundesgerichtshof.Susanne Kersting bezieht eine monatliche Berufsunfähigkeitsrente von rund 500 Euro. Die 35-Jährige: "Ich kann wegen meines Verkehrsunfalls nur kurz gehen oder stehen. Eine Tätigkeit in der Gastronoinie scheidet für mich aus."Inzwischen hat sie sich umschulen lassen. Vor zwei Jahren fand sie eine Halbtagsstelle als Bürohilfe. Das Einkommen in ihrem neuen Beruf ist viel geringer als das, was ihr das Bistro vor dem Unfall einbrachte. Trotzdem will die Volksfürsorge jetzt Teile der ausgezahlten Rente zurück-Vor dem nächsten Gerichtstermin hat die junge Frau wie immer Angst. "Der Versicherer will von mir Geld zurück, das ich längst für meinen Lebensunterhalt verbraucht habe."Mit 40 Jahren raus aus dem Beruf Rundum gute Erfahrungen in einer harten Lebensphase machte dagegen Peter Hebler* aus Emden. Im Mai 2003 war Hebler zu Hause von der Leiter gestürzt. Dass er dadurch dauerhaft berufsunfähig werden könnte, glaubte der heute 41-jährige Jurist zunächst nicht. Doch die Schmerzen durch den starken Bandscheibenvorfall, der dem Sturz folgte, wurden nicht besser. Längeres Laufen, Sitzen oder Stehen scheiden für den zuvor als Schulungsleiter herumreisenden Hebler seither dauerhaft aus. Ein chronisches Ohrgeräusch (Tinnitus), das kurz nach dem Unfall auftrat, hat seine gesundheitliche Krise verschärft. Seine Berufsunfähigkeitsversicherung bei der Allianz Stuttgart sichert dem Juristen mittlerweile den Lebensunterhalt.

Gesetzlicher Schutz ist knapp
Hebler, der in der Prüfphase nach eigenen Angaben über Monate im Schnitt dreimal die Woche zu Ärzten oder Physiotherapeuten ging, erhält außerdem von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) eine volle Erwerbsminderungsrente. Die BfA zahlte rückwirkend, als sich der Zustand des 41- Jährigen auch nach einer sechswöchigen Rehabilitation nicht besserte. Hebler: "Die Gutachter bescheinigten mir, dass ich nicht mehr drei Stunden täglich irgendetwas arbeiten kann."
Gesetzlich Rentenversicherte, die wie Hebler nach 1960 geboren sind, haben nur noch einen Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente, wenn sie aus Gesundheitsgründen gar keiner Arbeit mehr nachgehen können. Wenn sie nur nicht mehr entsprechend ihrer Qualifikation erwerbstätig sein können, eine leichte Arbeit aber bewältigen würden, bekommen sie nichts. Nur ältere Versicherte können noch auf ihre Ausbildung pochen.Wenigstens gilt der gesetzliche Invaliditätsschutz für jeden Rentenversicherten nach 60 Beitragsmonaten.

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